Digitalisierung = Orientierungslosigkeit?

 

20. Februar 2026

 

Warum „Digitalisierung“ oft nur

ein anderes Wort für Orientierungslosigkeit ist

 

 

Der Begriff „Digitalisierung“ hat Karriere gemacht und wurde bereits mehr als überstrapaziert. Er steht in Strategiepapiere, auf Konferenzbühnen und in jedem zweiten Jobtitel. Wenn man genau hinschaut, ist er in vielen Unternehmen allerdings vor allem ein Platzhalter für Unsicherheit und für fehlende Entscheidungen. Oft auch ein Hilferuf nach der Hoffnung, dass Technologie schon irgendwie die Richtung vorgibt, wenn man sie nur oft genug erwähnt.

 

Aus meiner Arbeit mit Softwareunternehmen, Corporates und Investoren sehe ich immer wieder das gleiche Muster. Wo besonders laut die „Digitalisierung“ heraufbeschworen wird, ist die inhaltliche Richtung oft am schwächsten. Es ist Zeit, das Kind beim Namen zu nennen.

 

 

 

Was meinen Unternehmen eigentlich, wenn sie „Digitalisierung“ sagen?

 

Fragt man fünf Führungskräfte, was „Digitalisierung“ konkret bedeutet, bekommt man meist sieben Antworten.

 

Die einen meinen Prozessautomatisierung, andere denken an neue digitale Produkte und wieder andere an Cloud-Migration, Data Lakes, KI, Plattformen oder Customer Experience. Alles nicht falsch. Aber wenn ein Begriff alles und nichts abdeckt, taugt er nicht mehr zur Orientierung. Er wird zur Nebelgranate.

 

„Wir müssen digitaler werden“ klingt wichtig, ersetzt aber keine Entscheidung. Es sagt nichts darüber, welches Problem gelöst werden soll, welcher Wert entstehen soll und was wir dafür nicht mehr tun. Digitalisierung wird dann zur Sammelüberschrift für Vorhaben, die man nicht sauber in Produkt-, Organisations- oder Geschäftsmodelllogik denken will oder wenn eine Strategie, eine unternehmerische Wette für A und gegen B, noch nicht gefunden ist.

 

 

 

Warum ist „Digitalisierung“ so oft Symptom und nicht Strategie?

 

Wenn Unternehmen „Digitalisierung“ ausrufen, ist das häufig ein Symptom dafür, dass sie drei grundlegende Fragen nicht geklärt haben:

  • Wofür stehen wir in unserem Markt in den nächsten fünf Jahren wirklich?
  • Was ist unser konkreter Wertbeitrag für Kunden und wie messen wir ihn?
  • Welche Fähigkeiten sind dafür zentral und was lassen wir bewusst bleiben?

Statt Antworten darauf zu erarbeiten, wird ein Digitalprogramm gestartet. Mit Programmbüro, Projektsammlung, Portfolio-Boards. Jedes Fachgebiet darf ein „Digitalprojekt“ anmelden. Viel Aktivismus, wenig Richtung.

 

„Digitalisierung“ ist der Ersatz für eine Strategie. Sie wird zur Ausweichbewegung, wenn niemand klar entscheidet, welche Wetten das Unternehmen eigentlich eingeht. Das fühlt sich kurzfristig nach Bewegung an, produziert aber selten echte Schärfe.

 

 

 

Woran erkennt man, dass Digitalisierung Orientierungslosigkeit kaschiert?

 

Es gibt ein paar wiederkehrende Symbole dafür, dass ein Unternehmen sich hinter Digitalisierung versteckt:

 

Tool-First statt Problem-First: Man sucht Use Cases für ein bereits gekauftes Tool. Die Technologie wurde entschieden, bevor der Zielzustand klar war.

 

Pilotfriedhof: Überall gibt es Piloten, Labs und POCs. Keiner weiß, welche davon tatsächlich skaliert werden oder warum nicht.

 

Dashboards ohne Entscheidungen: Data Lakes, BI, KPIs, aber keine klaren Konsequenzen, wenn Zahlen sich bewegen.

 

Parallelstrukturen: Digitale Einheiten arbeiten als U-Boot, weil man sich nicht traut, am eigentlichen Geschäftsmodell zu drehen.

 

 

 

PowerPoint-Transformation.

 

Auf Folien sieht alles aus wie Plattform, Ökosystem, AI-first. In der Realität wird weiter so gearbeitet wie vorher. In all diesen Mustern wird „Digitalisierung“ zur Tapete, die man über strukturelle Unklarheit klebt.

 

 

 

Warum Technik allein keine Richtung geben kann

und trotzdem oft dazu missbraucht wird.

 

Technologie ist ein Verstärker. Sie macht gute Entscheidungen wirkungsvoller und schlechte Entscheidungen teurer. Wer keine klare Produkt- und Geschäftslogik hat, bekommt durch Digitalisierung kein Upgrade, sondern nur eine schnellere Version der eigenen Unschärfe.

 

Oft wird Technik als Ersatz für mutige Entscheidungen genutzt. Man führt ein neues System ein, anstatt Rollen und Verantwortung zu klären. Man kauft eine Plattform, anstatt zu entscheiden, welche Kunden man nicht mehr bedienen will. Man ruft KI-Projekte aus, anstatt ehrlich zu sagen, dass man die eigene Produktstrategie nie sauber definiert hat.

 

Das Ergebnis: Komplexität steigt, Orientierung sinkt. Teams sind beschäftigt, aber nicht ausgerichtet. Die IT- und Digitalbereiche werden zum Blitzableiter für ungelöste Führungsfragen.

 

 

 

Was bedeutet echte digitale Orientierung stattdessen?

 

Digitale Orientierung beginnt nicht mit einem Budget, sondern mit Mut zu einer Entscheidung über Richtung und Grenzen. Ein paar unbequeme, aber hilfreiche Fragen:

  • Welche Kundensegmente wollen wir in drei Jahren dominant bedienen und welche nicht mehr?
  • Welche Kernfähigkeiten wollen wir aufbauen, die uns wirklich differenzieren
  • Welche analogen Stärken übertragen wir bewusst in die digitale Welt und was gehört in den Keller, nicht in die Cloud?
  • Welche Entscheidungen sollen in Zukunft daten- oder KI-gestützt sein und wer verantwortet sie trotzdem?

Erst wenn diese Fragen klar beantwortet sind, lohnt sich die Diskussion über Architektur, Tools, Plattformen, Roadmaps. Die Reihenfolge ist wichtig. Sonst werden Technologieentscheidungen zu teuren Ersatzhandlungen.

 

 

 

Welche Rolle spielen Produkt- und Tech-Führung in diesem Spiel?

 

Aus meiner Erfahrung ist „Digitalisierung“ immer dann am stärksten verwässert, wenn Produkt und Technologie keine echte Führungsrolle haben. Dort, wo CPO, CTO oder CPTO mit am Tisch sitzen, verschiebt sich der Diskurs:

 

  • Weg von „Wir brauchen eine App“ hin zu „Welches Problem lösen wir für wen und wie sieht das in Produktlogik aus?“
  • Weg von „Wir müssen KI nutzen“ hin zu „An welchen Stellen im Wertstrom erzeugt KI einen messbaren Vorteil und wie validieren wir das?“
  • Weg von Projekt-Sammelsurien hin zu klaren Product-Roadmaps mit expliziten Abwägungen („Ja, Nein, Später“).

Digitale Orientierung ohne starke Produkt- und Technologieführung ist kaum möglich. Man bekommt sonst Programmbüros und PMOs, aber keine echten Produktentscheidungen.

 

 

 

Was heißt das alles für Investoren, M&A und Due Diligence?

 

Aus Investorensicht ist „Digitalisierung“ ein rotes Tuch, wenn es nicht konkretisiert wird. In Due Diligence sehe ich immer wieder zwei Bilder:

  • Entweder „Digitalisierung“ taucht als Buzzword in Strategie- und Equity-Story-Slides auf, ohne Verbindung zu Produkt, Architektur, Daten und Organisation.
  • Oder es gibt ein klares Narrativ, wie Technologie, Produkt und Organisation zusammenspielen, um einen konkreten Werthebel zu bedienen: Wachstum, Margen, Plattformfähigkeit, M&A-Integration.

Risikoprüfung verschiebt sich dann von: „Welche Systeme sind im Einsatz?“ zu „Wie klar ist die Produkt- und Technologielogik, die in diesen Systemen steckt?“

 

Bei Buy-and-Build-Strategien ist das besonders kritisch. Mehr „Digitalisierung“ im Sinne zusätzlicher Tools, Plattformen und Initiativen schafft keine Synergien, wenn es keine konsistente Produkt- und Arbeitslogik gibt, in die integriert wird. Dann skaliert man nicht Wert, sondern Verwirrung.

 

 

 

Wie kommt man aus der „Digitalisierungs“-Falle wieder heraus?

 

Es gibt keinen eleganten Shortcut, aber einen ehrlichen Einstieg:

 

Das Wort streichen, zumindest intern. Stattdessen klar benennen, ob es um Produkt, Prozess, Daten, Infrastruktur oder Organisation geht.

 

Die Anzahl der „Initiativen“ radikal reduzieren. Lieber drei klar geführte Produkt- oder Plattformvorhaben als 25 digitale Einzelmaßnahmen.

 

Verantwortung bündeln. Produkt & Tech müssen Mitverantwortung für Wertschöpfung tragen, nicht nur für „Umsetzung“ oder „IT“.

 

Konsequent messen, wo wirklich Wert entsteht. Nicht nur Projektfortschritt, sondern Effekte auf Kunden, Umsatz, Kostenstruktur, Skalierbarkeit.

 

Bereit sein, Dinge zurückzubauen und zu stoppen. Digitalisierung heißt nicht, alles zu behalten, was einmal eingeführt wurde. Manchmal ist das mutigste digitale Projekt eine Abschaltung.

 

 

 

Fazit: Digitalisierung ist kein Ziel, sondern ein Test für Führungsstärke

 

Wenn „Digitalisierung“ in einer Organisation alles erklären soll, erklärt sie meist gar nichts. Der Begriff ist dann ein Symptom für fehlende Entscheidungen, unklare Strategien und verschobene Verantwortung.

 

Echte digitale Orientierung bedeutet:

  • klare Wetten,
  • klare Werthebel,
  • klare Produkt- und Technologielogik
  • und die Bereitschaft, sich festzulegen.

 

Wer „Digitalisierung“ sagt und damit alles meint, hat strategisch schon verloren. Wer klar sagt, welches Problem, für welchen Kunden, mit welchem Produkt und welcher Arbeitslogik gelöst wird, braucht das Wort „Digitalisierung“ kaum noch. Er liefert Ergebnisse.

 

 

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